3 Abklärung der ungewollten Kinderlosigkeit
Prinzipiell ist zu fordern, dass
beide Partner zeitgleich untersucht werden.
Erste wichtige Hinweise erhält der Arzt durch die Erhebung der Krankengeschichte
(Anamnese) beider Partner. Bei der Frau wird neben der Zykluslänge beispielsweise
die Dauer der Menstruationsblutung festgehalten. Ausgeprägte Schmerzzustände
während der Blutung oder des Zyklus werden notiert. Die Häufigkeit
des Geschlechtsverkehrs wird erfragt. Die Dauer des Kinderwunsches wird festgehalten.
Auch vorausgegangene Schwangerschaften (gleiche Beziehung oder andere Partner)
sollten dokumentiert werden, wie auch Operationen im Bauchraum oder im Beckenbereich.
Die Frage nach abgelaufenen Entzündungen im Genitalbereich ist zu stellen.
Die gynäkologische Untersuchung inklusive Untersuchung der Brust sollte
regelmäßig beim niedergelassenen Gynäkologen erfolgen. Eine
aktuelle Krebsvorsorge sollte vorliegen. Auch auf Erkrankungen, die Einflüsse
auf den weiblichen Zyklus haben können, ist einzugehen. Schilddrüsenerkrankungen
oder das Vorliegen einer Zuckerkrankheit sowie andere Stoffwechselprobleme sind
wichtig.
Durch eine Ultraschalluntersuchung lassen sich nähere Auskünfte über
die Gebärmutter und die Eierstöcke erhalten. Der normale Eileiter
lässt sich auch mit modernen Ultraschalltechniken nicht darstellen. Heutzutage
erfolgt die Ultraschalluntersuchung vorwiegend durch die Scheide (vaginaler
Schall). Diese Methode hat gegenüber dem Ultraschall über die Bauchdecke
einen höheren Informationswert.
Die Abklärung des
Mannes beginnt mit einer genauen Erhebung der Krankengeschichte (Anamnese).
Die Frage nach vorausgegangenen Entzündungen im Genitalbereich ist auch
hier wichtig. An die Befragung schließt sich eine klinische Untersuchung
an. Diese Untersuchung wird in aller Regel von einem Urologen oder spezialisierten
Hautarzt (Andrologen) durchgeführt. Fehlbildungen oder Krampfadern im Bereich
der Genitalorgane werden ebenso untersucht wie die Beschaffenheit und Größe
der Hoden. Eine mikroskopische Kontrolle der Samenflüssigkeit wird durchgeführt
(Spermiogramm). Neben der Bestimmung der Spermienzahl wird auch der Anteil der
gut beweglichen Samenzellen sowie die Anzahl fehlgebildeter Spermien festgestellt.
Bei mehrfach bestätigtem völligen Fehlen von Samenzellen in der Samenflüssigkeit
kann von einer Zeugungsunfähigkeit des Mannes ausgegangen werden. Die restlichen
im Spermiogramm erhobenen Werte erlauben keine genaue Aussage darüber,
wie wahrscheinlich das Eintreten einer Schwangerschaft ist. Auch bei sehr geringer
Zellzahl, bei schlechter Beweglichkeit und beim Vorliegen von sehr vielen fehlgeformten
Samenzellen sind Schwangerschaften möglich. Die statistische Wahrscheinlichkeit,
dass bei einem schlechten Spermiogramm eine Schwangerschaft eintritt, ist deutlich
erniedrigt, aber nicht völlig aufgehoben.
Bei
eingeschränktem Spermabefund wird meist eine weiterführende Abklärung
dann gemeinsam durch den Urologen und den betreuenden Gynäkologen, bzw.
den Reproduktionsmediziner empfohlen. Hierzu zählen die Untersuchung des
Ejakulats auf Entzündungserreger (Bakterien, Viren und bakterienähnliche
Erreger, wie Chlamydien). Der Nachweis der Verträglichkeit von Samenzellen
und Gebärmutterhalsschleim und die Untersuchung von Abwehrstoffen in der
Samenflüssigkeit (Spermaantikörper) haben an Bedeutung verloren, sie
sollen nicht mehr durchgeführt werden, da die Ergebnisse
keine Konsequenz haben.
Die Diagnostik sollte kurz gehalten werden. Der Wert ist nicht belegt; in der
Mehrzahl der Fälle ergeben sich keine Behandlungsmöglichkeiten.
Am Ende all dieser Untersuchungen muss nämlich ausgesagt werden, wie realistisch
eine Schwangerschaft überhaupt erscheint. Diese Abschätzung kann am
ehesten der Reproduktionsmediziner treffen.
Nicht näher eingegangen wird hier auf die sexuelle Dysfunktion, auf Probleme
der Erektion oder darauf, dass die "Samenabgabe" zum psychischen Stress
ausarten kann. Sind deratige Probleme bekannt oder treten sie während der
Behandlung auf, so können Sie uns ansprechen....
Untersuchungen
bei der Frau:
Hinweise erhält man durch die Aufzeichnung der Aufwachtemperatur. Nach
mindestens fünfstündiger nächtlicher Schlafphase wird die Morgentemperatur
vor dem Aufstehen gemessen und in ein Kurvenblatt eingetragen (Basaltemperaturkurve).
Aus dem Kurvenverlauf erhält der Arzt Informationen über die Länge
des Menstruationszyklus und über die Blutungsdauer. Ein Temperaturanstieg
im Bereich der Zyklusmitte (bedingt durch die Freisetzung von Progesteron) kann
den Eisprung anzeigen. Auch die Länge der Temperaturerhöhung in der
zweiten Zyklushälfte ergibt Hinweise. Die Sicherheit, dass bei Temperaturerhöhung
auch wirklich ein Eisprung stattgefunden hat, liegt bei maximal 70%.
Wohl kaum jemand wird Basaltemperaturkurven gerne führen wollen. In der
Sterilitätsdiagnostik sind sie entbehrlich, da sie zu wenig Information
geben.
Eine bessere Aussage erreicht man durch zusätzliche Ultraschalluntersuchungen.
Das Heranreifen des Eibläschens kann verfolgt werden. Der genaue Zeitpunkt
des Eisprungs lässt sich durch Hormonuntersuchungen eingrenzen. Das für
den Eisprung hauptsächlich verantwortliche Hormon (LH) ist in Blut und
Urin nachweisbar. In der Apotheke sind sogenannte Heimtests (LH-Sticks) erhältlich.
Durch mehrfach am Tag durchzuführende Urinuntersuchungen kann der Anstieg
von LH und somit der ungefähre Zeitpunkt des Eisprungs festgestellt werden.
Diese Tests sind einfach in der Ausführung und zeigen den LH-Anstieg durch
eine Farbveränderung an. Zusätzliche Auskünfte über die
Qualität des Eisprungs erhält man durch Hormonuntersuchungen (Progesteron
in der zweiten Zyklushälfte). Dazu sind an bestimmten Tagen Blutuntersuchungen
notwendig. Man kann sich
auf ein bis zwei Progesteronbestimmungen beschränken.
Störfaktoren im weiblichen Menstruationszyklus können auf jeder „Etage"
eintreten (Zwischenhirn, Hirnanhangsdrüse, Eierstöcke etc.): Aber
nur bei einer Zykluslänge von mehr als 35 Tagen sind zusätzliche
Hormonuntersuchungen notwendig. Das Hormon Prolaktin wird im Blut bestimmt.
Erhöhungen oder Erniedrigungen der Schilddrüsenhormone können
Einfluss auf das Zyklusgeschehen nehmen. Über die Notwendigkeit der Bestimmung
von beispielsweise LH und FSH im Blut sowie der männlichen Geschlechtshormone
oder der Nebennierenrindenhormone muss der Arzt befinden.
Die
Verträglichkeitsuntersuchung von Samenzellen und Gebärmutterhalsschleim
hat nur noch historischen Wert, sie muss nicht erfolgen. Am
häufigsten wurde der Postkoitaltest (Sims-Huhner-Test) durchgeführt.
Zur Zyklusmitte hin wird Stunden nach dem Geschlechtsverkehr
bei einer normalen gynäkologischen Untersuchung Gebärmutterhalsschleim
entnommen und auf Anzahl und Beweglichkeit von Samenzellen
untersucht. Die Aussagekraft ist unzureichend. Falls sich nur unbewegliche Samenfäden
finden, so heißt das noch lange nicht, dass eine Schwangerschaft nach
Geschlechtsverkehr ausgeschlossen ist.
Die Befunde dieser Basisuntersuchungen von Mann und Frau werden mit dem Ehepaar
besprochen. Auf die Behandlungsmöglichkeiten und die Risiken einer Therapie
ist dann einzugehen.
Im Einvernehmen mit dem Ehepaar ist eine Behandlung zu beginnen oder eine weitere
Abklärung anzuregen.
Ergibt sich aus all diesen Befunden kein erkennbarer Grund für die ungewollte Kinderlosigkeit, so ist der nächste Schritt die Untersuchung der Eileiterdurchgängigkeit. Die Eileiterdurchblasung oder -durchspülung (Pertubation) wird heute nur noch selten eingesetzt: Die "Aufsprengung" eines verschlossenen Eileiters ist nicht möglich. Die Aussagekraft ist insgesamt zu gering. Selbst bei sachgerecht durchgeführter Untersuchung ist das Auftreten einer Eileiterentzündung nicht auszuschließen.
Die Röntgenuntersuchung
von Gebärmutter und Eileiter hat ihren Stellenwert. Diese Hysterosalpingographie
(HSG) kann fast immer ambulant erfolgen. Eine Narkose ist nicht erforderlich.
Bei dieser Untersuchung wird ein spezielles Besteck am Gebärmutterhals
befestigt. Über eine Spritze wird ein wasserlösliches Kontrastmittel
in die Gebärmutter eingebracht. Das Kontrastmittel erreicht über die
Eileiter den freien Bauchraum. Man erhält so Aufschluss über Störungen
im Gebärmutterinnenraum. Auch ein Eileiterverschluss lässt sich mit
über 90%-iger Sicherheit diagnostizieren. Vereinfacht dargestellt, ähnelt
die Methode der Durchspülung eines Rohres - man erhält Aussagen über
die Durchgängigkeit und die Innenbeschaffenheit des Rohres, nicht jedoch
über die Außenbeschaffenheit. Daher können beispielsweise Verwachsungen
um die Eileiter und die Eierstöcke herum mit diesem Verfahren nicht festgestellt
werden. Die Nachteile der Hysterosalpingographie liegen neben der Strahlenbelastung
in der relativ hohen Schmerzhaftigkeit und der Zahl fehlerhafter Befunde (bedingt
durch die Methode ist in 20-30% der Fälle mit einer Abweichung zum Ergebnis
der Bauchspiegelung zu rechnen).
Man kann durch das Einbringen einer auf Zuckerbasis hergestellten Lösung
(Galaktosepartikel) die Strahlenbelastung der HSG umgehen. Über eine Ultraschalluntersuchung
werden dann die Eileiter untersucht. Da die Technik aber ähnlich ist wie
die der HSG, bleibt die Anzahl durch die Methode bedingter fehlerhafter Befunde
(auch stark von der Erfahrung des Untersuchers abhängig).
Aus all diesen Gründen ist
der Bauchspiegelung (Laparoskopie) mit gleichzeitiger Eileiterdurchspülung
ein höherer Wert zuzumessen.
Die Bauchspiegelung muss in aller Regel in Narkose durchgeführt werden.
Über einen ca. 1 cm langen Schnitt am Nabel wird eine Kanüle in den
Bauchraum eingeführt. Um eine ausreichende Beurteilungsmöglichkeit
zu haben, müssen zwei bis drei Liter Gas (CO2) eingebracht werden.
Nach Einführung einer Optik ist es möglich, den Ober-, Mittel- und
Unterbauch genau einzusehen. Über einen zweiten kleinen Schnitt im Bereich
der Schamhaargrenze können zusätzliche Geräte eingeführt
werden. Dies ermöglicht eine bessere Betrachtung und erlaubt es, Verwachsungen
mit kleinen Sonden und Scheren zu lösen.
Um die Durchgängigkeit der Eileiter zu überprüfen, wird eine
farbstoffhaltige Flüssigkeit in die Gebärmutter und die Eileiter gespritzt.
Die Bauchspiegelung erlaubt eine Aussage über die Beschaffenheit von Gebärmutter,
Eileitern und Eierstöcken. Etwaige Verwachsungen können festgestellt
und bei entsprechender Ausrüstung auch direkt gelöst werden. Verwachsungen
neben den Eileitern, die bei der Röntgenuntersuchung nicht sicher zu diagnostizieren
sind, lassen sich hierbei gut feststellen.
Durch die Auffüllung des Bauchraums mit Gas kommt es zu einer Nervenreizung,
die sich in einem Schmerz am Rippenbogen und in der Schulterregion (in der Regel
rechts) äußern kann. Die Beschwerden entsprechen denen eines Muskelkaters,
vergehen aber schnell und sind nach zwei Tagen spontan abgeklungen. Bei der
Punktion ist ebenfalls eine Verletzung von Blutgefäßen oder des Darmes
möglich. Diese Verletzungen treten relativ selten ein und erfordern dann
zur Korrektur einen Bauchschnitt.
Die Laparoskopie liefert über
die Innenbeschaffenheit der Gebärmutter natürlich keine Aussage. Veränderungen
in der Gebärmutter lassen sich häufig bereits durch die Ultraschalluntersuchung
feststellen.
Die Gebärmutterspiegelung (Hysteroskopie) wird heute oftmals mit der Bauchspieglung
kombiniert und in der gleichen Narkose durchgeführt. Durch das Einbringen
einer Optik in den Gebärmutterinnenraum lassen sich dort Veränderungen
diagnostizieren. Kleine Muskelgeschwülste (Myome), Polypen und Verwachsungen
können entfernt werden.
Ein
Kompromiss ist die Eileiterkatheterisierung. Im Gegensatz zur Hysterosalpingographie
hat diese Untersuchung keine Strahlenbelastung, eine Narkose ist ebenfalls nicht
erforderlich. Durch die Gebärmutter wird ein kleiner Katheter in den Eileiter
geleitet. Es wird sterile Flüssigkeit durch den Katheter gespritzt. Durch
eine Ultraschalluntersuchung lässt sich die Flüssigkeit im Eileiter
und im Bauchraum nachweisen. Wie bei allen Durchspülungstechniken sind
Entzündungen möglich. Unterbauchbeschwerden und eventuell Fieber sind
erste Anzeichen. Mit der Eileitersondierung und der Untersuchung auf Chlamydien
kann man bei über 90 % der Patientinnen ein verwertbares Ergebnis erzielen.
Es ist eine Möglichkeit, frühzeitig und mit relativ geringem Aufwand
die Eileiterdurchgängigkeit zu prüfen. Die Aussagegenauigkeit erreicht
nicht die der Bauchspiegelung.
Außerdem gibt es immer wieder Frauen, bei denen die Eileiter nicht zu
sondieren sind (krankhafte Befunde oder technischer Fehler). In solchen Fällen
wird der Arzt eine Bauchspiegelung empfehlen.
Nach bestem Kenntnisstand wird bei Frauen „ohne
belastete Vorgeschichte“ die Eileiterdurchgängigkeit durch
eine Ultraschalltechnik untersucht. Die Untersuchung auf Chlamydien (häufige
Ursache von Eileiterentzündungen und von Tubenverschluss) ist zusätzlich
(bei Frau & Mann) erforderlich.
Sind Hinweise auf häufige Eileiterentzündungen gegeben oder wird von
mehreren Attacken von Unterbauchschmerzen gesprochen, so sollte der Arzt eher
zur Bauchspiegelung raten.
Die Vorlieben des Paares
....
Wohl durch den höheren Informationsstand hat sich das Verhalten kinderloser
Paare in den letzten Jahren verändert. Der Arztkontakt wird früher
aufgenommen, abwarten scheint weniger "in".
Man darf sich fragen, ob die schrittweise Abklärung der Sterilität
noch dem heutigen Zeitgeist entspricht. Andererseits wäre es natürlich
auch übertrieben und nicht kostenorientiert, jedes Paar sofort bis zur
operativen Sterilitätsabklärung (Bauchspiegelung) zu führen.
Komplettabklärung eines Paares an einem Tag erscheint ein frühzeitig
gangbarer Weg mit akzeptabler Aussagegenauigkeit zu sein. Dabei werden bei beiden
Partnern die Untersuchungen durchgeführt, die bislang nicht erfolgt sind.
Eine orientierende Eileiterabklärung kann erfolgen, auch ein Spermiogramm.....
Auffällige Befunde werden besprochen. Es werden Behandlungsempfehlungen
gegeben, die durchaus wiederum vom zuweisenden Gynäkologen durchgeführt
werden können.