4.6.1 MESA & TESE

Durch die Spermieninjektion (ICSI) kann man also mit sehr wenigen und auch mit unbeweglichen Samenzellen die Befruchtung einer Eizelle herbeiführen. Aber was passiert, wenn im Spermiogramm mehrfach überhaupt keine Spermien gefunden wurden? Das waren früher als hoffnungslos eingestufte Fälle.
Männern mit inoperablem Samenleiterverschluss, mit hochgradiger Störung der Spermienreifung und Patienten nach Tumoroperationen kann durch Gewinnung von Samenzellen aus dem Nebenhoden (MESA) oder dem Hoden (TESE) zu eigenen Kindern verholfen werden.

Auch wenn im Ejakulat keine Samenzellen vorhanden sind, ist es in vielen Fällen möglich, Samenzellen durch einen kurzen operativen Eingriff zu gewinnen. Oft befinden sich befruchtungsfähige Spermien im Nebenhoden oder im Hoden.
MESA steht dabei für "mikrochirurgische epididymale Spermienaspiration" und bedeutet Gewinnung von Spermien aus dem Nebenhoden. Bei einem kurzen operativen Eingriff wird der Samenleiter aufgesucht und es wird nachgesehen, ob ein Verschluss vorliegt. Solch ein Verschluss kann Folge einer Entzündung sein; er kommt auch bei bestimmten Erkrankungen wie Mukoviszidose vor. "Unterhalb des Verschlusses", im Nebenhoden, können dann Samenzellen gesucht und gefunden werden, die dann für die ICSI direkt oder später verwendet werden können.
Ist der Verschluss von der Länge her begrenzt, so kann bei diesem Eingriff der verschlossene Teil entfernt werden und der Samenleiter wieder aneinander genäht werden.

TESE meint "testikuläre Spermienextraktion". Es liegt hierbei nicht an einem Verschluss der Samenwege, sondern meist an einer Schwäche des Hodens, ausreichend ausgereifte Samenzellen freizusetzen (der Samenflüssigkeit beizufügen). Durch eine Hodenbiopsie wird Gewebe entnommen und nachgesehen, ob Samenzellen oder deren Vorstufen vorhanden sind. Die Samenzellen werden also direkt aus der Gewebeprobe (Biopsie) des Hodens gewonnen.

Bei mindestens 75% der Operationen gelingt es, Samenzellen zu finden. Die durch TESE oder MESA gewonnenen Samenzellen werden meist in mehreren Proben tiefgefroren und können später wieder aufgetaut werden.

Muss bei jungen Männern der Hoden wegen einer Tumorerkrankung entfernt werden oder muss der Bereich der Leisten bestrahlt werden, so kann man vorher dafür sorgen, dass Samenzellen tiefgefroren werden. Bei jungen Männern ist der Hodenkrebs durchaus verbreitet. Auch Lymphdrüsenkrebs kommt vor. Diese Tumorleiden haben eine recht gute Heilungschance.
Der Kinderwunsch wird später ein wichtiges Thema.

Für eine Befruchtung auf "normalem Weg" reicht die Anzahl und die Beweglichkeit der aufgetauten Samenzellen meist nicht aus. Auch über die Insemination werden nur vereinzelt Schwangerschaften erzielt (noch am ehesten bei Patienten, die Samenzellen oder Gewebe vor einer Tumoroperation oder einer Bestrahlung einfrieren ließen).
Aber bei ICSI sind die Chancen gut.

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