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9. Psyche und Sterilität

 

Wer zusätzlich zur Sterilitätsbehandlung psycho-therapeutische Unterstützung erhält, hat weniger Angst, weniger Stimmungsprobleme und eine deutlich höhere Schwangerschaftschance als die Patienten, die auf die Zusatzbehandlung verzichten. Das ist zusammengefasst die neue Datenlage. Die seit über 30 Jahre erfolglose Suche nach Persönlichkeits-anteilen, die Kinderlosigkeit (mit) verursachen sollen, ist wissenschaftlich abgeschlossen. Es haben sich keine stichhaltigen Beweise finden lassen. Die Zeiten von „wenn die Seele nein sagt …“ sind vorbei. Es ist ein Slogan, mehr aber auch nicht. Abgesichertes Wissen für einen Zusammenhang existiert nicht.
Das Kapitel „psychische Ursachen der Sterilität“ ist eines der Paradebeispiele, wie aus Studien untergeordneter Qualität falsche und übertriebene Schlüsse gezogen wurden und immer noch werden. Klar belegt ist, dass sowohl der unerfüllte Kinderwunsch wie auch die Kinderwunschbehandlung emotional stark belasten können. Und was Ursache und was Wirkung ist, kann nicht geklärt werden.

 

Wie sieht das aktuelle Wissen aus (s. Literatur)?

 

  1. Hoher Stress aktiviert Botenstoffe aus der Achse Zwischenhirn/Nebenniere, die das weibliche Reproduktionssystem ungünstig beeinflussen.
    Unerfüllter Kinderwunsch und die Behandlung können Überforderung und Erschöpfung auslösen, ohne dass man in dem Moment richtig darauf reagieren kann. Das Ausgeliefertsein gerät zum Stress, senkt die Lebensqualität und den Erfolg der Kinderwunschbehandlung.
  2. Angst und depressive Verstimmung sind bei Frauen mit Kinderlosigkeit häufiger; die Gruppe hat unbehandelt weniger Erfolg.
  3. Psychische Probleme sind in der Regel bereits vor einer Sterilitätsbehandlung gebahnt.
  4. Für alle Patienten ist ein Zusatzprogramm von Vorteil.

Die neuen Lösungsansätze sind nicht so kompliziert wie früher und haben wenig mit den Vorstellungen von „Psychologie und Durcharbeiten von Kindheitsproblemen“ etc. zu tun. Heute geht es um Bewälti-gungsstrategien, die man aktiv erlernen kann. Neben dem Umgang mit Stimmungsproblemen nimmt das Erlernen von Bewältigungsstrategien den Hauptanteil der Schulung ein:
Coaching, autogenes Training, Hypnotherapie, Muskelrelaxation und Körpertherapie gehören zum Programm. Lebensqualität und Lebensfreude werden in Stress-Situationen bewahrt, der Erfolg der Sterilitätsbehandlung erhöht. Und dies gilt für alle Frauen, die eine Behandlung durchführen lassen. Dies wurde in einer aktuellen Übersichtsarbeit festgestellt (s. Literatur).

Die Arbeit wertet die weltweit gefundenen 22 Studien mit ausreichender Qualität aus und kommt zu dem Ergebnis, dass „negative Affekte“ (Depression und Angst) unter zehn oder mehr Sitzungen der Begleittherapie entschieden weniger sind als ohne diese Unterstützung. Zusätzlich ist der Schwangerschaftserfolg mit Unterstützung deutlich höher als ohne. Mit Psychotherapie wurden von 628 Paaren bei 45% eine Schwangerschaft erreicht (284), in der Kontrollgruppe war dies nur bei 14% der Fall (18 Schwangerschaften bei 129 Frauen).

 

Was bedeutet das für die Sterilitätspatienten?

  1. Man kann jedem Paar empfehlen, diese Unterstützung zu nutzen. Die Wirkung ist da, ganz egal welche Ursache der Kinderlosigkeit vorliegt und unabhängig davon, ob man ängstlich und stimmungsbedrückt ist.
  2. Man kann in Gruppen, das Paar oder nur die Einzelperson behandeln.
  3. Es zeichnet sich erstmalig ein großer Effekt hinsichtlich der Schwangerschaften ab.
  4. Das Begleitprogramm ist umso mehr zu empfehlen, da es ernsthafte Nebenwirkungen dieser Behandlung nicht gibt.
  5. Mehr als 10 Sitzungen über mehr als ein halbes Jahr geben den besten Erfolg.

 

Einschränkung
Diese neuen Ergebnisse gelten für alle Paare, die eine Sterilitätsbehandlung durchführen lassen und das zusätzliche Kombinationsprogramm der Psychotherapie nutzen.
Dies darf nicht dazu verleiten, ähnliche Erfolge von alleiniger Psychotherapie (also ohne zusätzliche Sterilitätsbehandlung) zu erwarten. Dazu gibt es weltweit keine verlässlichen Zahlen.


Unser Programm
Das „Zusatzprogramm“ kann vor der Behandlung beginnen oder auch zwischen den Behandlungen. Damit Stress und Überforderung während des Therapiezyklus nicht stärker werden, hilft nach bester Datenlage ein aktives Kombinationsprogramm aus zuverlässiger Information, kombiniert mit Körper-therapie, Entspannungsübungen, Hypnotherapie. Auch Zusatzbehandlungen wie Akupunktur sind denkbar. Wem das nicht reicht: Angst und Depression sind bei Frauen mit Kinderlosigkeit häufiger; etwa 20% der Frauen in einer Sterilitätssprechstunde sind betroffen. Die Gruppe hat unbehandelt weniger Erfolg. Häufige Überforderung und Erschöpfung sind erste Anzeichen.
Wer Klarheit sucht, sollte zuerst den Stimmungstest machen. Sie können dies unter www.kinderwunsch-ulm.de (Menüpunkt: „Und das gibt’s auch noch“) tun.

 

de Liz TM, Strauss B. Differential efficacy of group and individual/couple psychotherapy with infertile patients. Human Reproduction 2005 20(5):1324-1332; doi:10.1093/humrep/deh743

 

Seien Sie ehrlich:
Falls Sie im roten Bereich liegen, sollten Sie unbedingt etwas unternehmen und mit der speziell geschulten Fachärztin für Psychotherapeutische Medizin sprechen. Durch ein Interview kann sicher festgestellt werden, ob Sie eine behandlungsbedürftige Beeinträchtigung der Stimmung haben oder nicht.